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Geschichte

 

 


Wandel am Steinengraben

Seit bald 140 Jahren sind die Häuser Nummer 30 bis 36 stumme Zeugen des massiven Wandels der Basler Innenstadt und der städtischen Entwicklung am Steinengraben. Ursprünglich wurden sie als grossbürgerliche Häuser an einer mit Bäumen gesäumten Allee erbaut. So stehen sie am heutigen Steinengraben, welcher in den 70er Jahren im Rahmen der „Autostadt Basel“ zum Cityring umgebaut wurde. Die Erbauung des Cityrings und damit auch des Heuwaageviadukts veränderten den Steinengraben nachhaltig. Die alten Wohnhäuser wurden zunehmend abgerissen und durch modernere, meist geschäftlich genutzte Neubauten ersetzt. Die vier Häuser sind zusammen mit den Räumlichkeiten der Musikakademie die letzten Zeugnisse des ursprünglichen Charakters des Steinengrabens. 

 

Erstes Baugesuch der National

Neben den verkehrsbedingten Veränderungen hat auch die schweizerische National  Versicherungsgesellschaft den Steinengraben geprägt. Das steinerne Hauptgebäude aus den 40er Jahren, beherbergt den Hauptsitz der National. 2014 hat sie ihren Hauptsitz um einen Neubau mit moderner Glasfassade erweitert und damit das Gesicht des Steinengrabens weiterverändert. Gleichfalls hat die Versicherung kontinuierlich die verbliebenen alten Häuser von Privatpersonen aufgekauft, zuletzt die Liegenschaft Steinengraben 36. Somit wurde die National alleinige Besitzerin der Häuserzeile vom Eckgebäude Steinengraben 28 bis zum letzten der vier alten Häuser am Steinengraben 36. Zusätzlich ist die National im Besitz der Liegenschaft an der Leonhardstrasse 27 welche an das Eckhaus Steinengraben 28 angrenzt. Auf der Fläche dieser sechs Liegenschaften umfassenden Parzelle, plante die Versicherung einen Bürokomplex zu bauen und dadurch ihren Hauptsitz am Steinengraben zu erweitern. Zu diesem Zweck reichte die National 2010 ein Bauprojekt ein, welches aber vom Bauinspektorat mit Verweis auf das Abbruchgesetz (GAZW) abgewiesen wurde. Die Mieter der Liegenschaft Steinengraben 30 hatten zusammen mit dem Mieterverband Basel-Stadt gegen das Baubegehren der National Einspruch erhoben. Dazumals verwies das Basler Bauinspektorat auf die Wohnqualität am Steinengraben mit den schönen, ruhigen und sonnigen Grünanlagen in den Hinterhöfen. 

 

Zwischennutzung und zweites Baugesuch der National

Die Liegenschaften Steinengraben 32 und 34 wurden nach einem 11 monatigen Leerstand und einer Besetzung 2011 von der National zur Zwischennutzung freigegeben. Bis heute werden diese beiden  Häuser von einer bunten Mischung aus jungen und junggebliebenen Menschen, StudentInnen, Kulturschaffenden und Handwerkern bewohnt. Sie bilden mit den „alten“ Bewohnern der Liegenschaften 30 und 36 die aktuelle Gruppe von Mietern am Steinengraben. 

Was 2010 gesetzlich noch unmöglich war, nämlich günstigen Wohnraum abzureissen und durch Bürofläche zu ersetzen, ist heute unter dem neuen Wohnraumförderungsgesetz (WRFG, seit Sommer 2013) wesentlich einfacher. Wohl durch die Entwicklung auf gesetzlicher Ebene ermutigt, reichte die National im November 2014 ein erneutes Baugesuch ein. 

 

Nach der Publikation des Baugesuches reichte die Gruppe von Mietern in Zusammenarbeit mit dem Mieterverband Basel-Stadt diverse Einsprachen gegen das zweite Baugesuch am Steinengraben beim Bauinspektorat ein. Obwohl sich die Gesetze seit 2010 verändert hatten, hat sich an der grundsätzlichen Forderung, den Wohnraum am Steinengraben zu erhalten, nichts geändert.

Die National hatte ihr erstes Baugesuch von 2010 halbherzig mit einigen teuren Loftwohnungen, als Kompensation für die verlorene Wohnfläche, angereichert und der Garten als unberührtes Biotop sollte nachwievor einer Tiefgarage weichen. Zusätzlich war zu diesem Zeitpunkt die Verwendung des geschaffenen Büroneubaus mehr als unklar, da die National Suisse kurz vor der Übernahme durch die grössere Helvetia Versicherung stand. Desweiteren hat sich die Lage auf dem ohnehin schon angespannten Wohnungsmarkt in Basel so verschärft, dass es aus Sicht der Mieter am Steinengraben, aber auch aus Sicht aller Bewohner des Stadtkantons fahrlässig wäre, günstigen Wohnraum zugunsten eines spekulativen Büroneubaus zu opfern.

 

Wie gewohnt in solchen Prozessen, geschah nach Eingabe der Einsprachen Ende November 2014 erstmal nichts. Von Seiten der National erfuhr man wenig, bloss dass die Liegenschaften ab Mai 2015 in den Besitz der Helvetia Versicherung gelangen sollen. Der Prozess der Übernahme sollte dann beendet sein und die National als Versicherungsgesellschaft verschwinden. Seitens der Helvetia wurde bekannt, dass sie den Ausbau ihres Hauptsitzes an der St. Alban Anlage plant. Auch für dieses Neubauprojekt muss vorübergehend Wohnraum weichen. Aus einem Bericht von Telebasel wurde dann auch klar, dass die Führung der Helvetia ab 2018 den Büroneubau am Steinengraben als zweijährige Übergangslösung für ihre Mitarbeiter nutzen will, bis ihrerseits der neue Campus an der St. Alban Anlage bezugsbereit sein wird. 

 

Baugesuch Helvetia

Mitte Juli 2015 zieht die Helvetia das Baugesuch der National vom November 2014 zurück. Sämtliche Einsprachen der Bewohner, des Mietverbandes und Privatpersonen werden hinfällig. Gleichzeitig publiziert erstmals die Helvetia ein angepasstes Baugesuch. Darin versucht Sie vermehrt auf das Wohnraumförderungsgesetz einzugehen und wahrscheinlich einige Kritikpunkte der eingegangen Einsprachen aufzunehmen. So erhöht sie den Wohnanteil auf vom Gesetz vorgeschriebene 25 Prozent und präsentiert erstmals eine Lösung, die einen Teil des Gartens erhält, respektive eine neue Gartenanlage über der geplanten Tiefgarage vorsieht. Die Liegenschaft Leonhardstrasse 28 soll neuerdings nur Wohnraum beinhalten.

 

Natürlich haben die Bewohnenden und der Mieterverband Basel-Stadt auch gegen das dritte Baubegehren am Steinengraben Einsprache erhoben. Auch wenn bereits Jahre an diesem Bauprojekt gearbeitet wird, sind dahinter keinerlei nachhaltige Entwicklungen, sondern bloss finanzielle Überlegungen auszumachen. Die Baugesuche reduzieren die Anforderungen und Interessen der Allgemeinheit nach bezahlbarem Wohnraum und Grünfläche auf ein absolutes Minimum. Dabei wird an einzelnen „Schräubchen“ gedreht um das Bauprojekt als Ganzes annahmefähig zu machen. Für die Bewohner am Steinengraben, aber auch für alle Basler welche an einer nachhaltigen, ausgeglichenen und vernünftigen Stadtentwicklung interessiert sind, ist dieser Weg eine Sackgasse. Der Blick auf den emotionalen aber auch realen Wert der Liegenschaften am Steinengraben, als zentrumsnahen, schönen und günstigen Wohnraum, geht dabei komplett verloren. Es wäre an der Zeit den sturen Willen einen Bürokomplex zu bauen von Seiten der Helvetia  aufzugeben, um sich einzugestehen, dass mit viel weniger Geld eine ökologische, nachhaltig soziale und trotzdem finanziell rentable Lösung gefunden werden kann. Dies im Interesse aller involvierter Parteien am Steinengraben, aber auch im Interesse der öffentlichen Reputation der Helvetia in der Region Nordwestschweiz.

 

Den Wohnraum am Steinengraben erhalten

Die Bewohner des Steinengrabens werden ihren Einsatz zum Erhalt der Liegenschaften weiterführen. Es ist klar, dass nichts so bleibt wie es ist und man sich Wandel und Fortschritt nicht wiedersetzen will. Das aktuelle Baugesuch der Helvetia ist, ausser in spekulativer und finanzieller Sicht, aber durchwegs ein Rückschritt.